Mediationsausbildung Teilnehmer­befragung

Bernd Uebersezig, Head of HR NETZSCH Group

Was hat Sie als Führungskraft motiviert, eine Mediationsausbildung zu machen?

Die im Personalwesen geforderten Kompetenzen sind dabei sich im Zuge des digitalen und globalen Wandels und seiner Auswirkungen auf die Arbeit zu ändern. Veränderungen zu begleiten und zu gestalten erfordert in zunehmendem Maße Beratungs-, Coaching-, Moderations- und Konfliktmanagementkompetenz.  In meinem Erleben als Personalleiter nehmen Konflikte in allen Bereichen unserer Unternehmen in den letzten Jahren zu. Die Fähigkeit Konflikte selbst zu lösen, bzw. die Fähigkeit und oft auch der Wille der Führungskräfte Konflikte aktiv zu bearbeiten hingegen stagniert oder ist sogar rückläufig. Die Auswirkungen in den Unternehmen sind uns allen gut bekannt. Vor diesem Hintergrund war es für mich zielführend, selbst an einer fundierten Mediationsausbildung teilzunehmen, mir Kenntnisse anzueignen und diese in die Organisationen einzubringen.

Was hat sich für Sie in Ihrem Führungsalltag seither verändert?

Ich greife einmal drei Beispiele heraus. Zunächst einmal die Wahrnehmungsfähigkeit für oft auch noch niederschwellige Konflikte. Wissend, was sich daraus entwickeln kann hat sich meine Einstellung gefestigt, rechtzeitig und früh genug Hilfestellung anzubieten, bzw. aktiv einzugreifen. Daneben hat sich auch eine grundsätzliche Haltung gefestigt, die ich am besten mit einer „mediativen Herangehensweise“ beschreiben möchte. Es hilft ungemein – egal ob man in einem Konflikt vermittelt, oder aktiver Bestandteil ist – sich dem Ganzen interessengeleitet zu nähern und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Es geht aber durchaus auch um präventive Maßnahmen. Ich habe beispielsweise in meinem direkten Zuständigkeitsbereich einen Standardtermin pro Quartal vereinbart, in dem wir uns nur mit unseren eigenen Prozessen und Aufgaben beschäftigen – nicht erst dann, wenn es schon brodelt. Wir schauen uns an und sprechen darüber was gut gelaufen ist und was wir zusammen für die Zukunft sichern wollen. Und wir klären, was weniger gut war und wie wir eingreifen wollen, bevor sich Konflikte bilden.

Haben Sie dazu schon Feedback bekommen? Wenn ja, eher von Mitarbeitern oder von anderen Führungskräften?

Sowohl als auch. Die oben beschriebene Quartalsbesprechung finden meine Mitarbeiter beispielsweise sehr hilfreich und bringen das auch zum Ausdruck. Zwischen Personalverwaltung, Personalreferenten und unserer Academy gab und gibt es immer wieder mal Spannungen – jetzt haben wir ein gutes Ventil dafür etabliert. Insgesamt habe ich in der betrieblichen Realität zunächst erlebt, dass es besser ist, nicht von Mediation, sondern von Konfliktmanagement, von Verhandlungsführung oder von Gesprächsführung zu sprechen. Mediation scheint als Begriff vorbelastet zu sein und ich dringe mit mediativen Angeboten nicht durch, wenn ich sie als solche benenne. Das ist letztlich aber nur eine Frage der Begrifflichkeit, was sich hoffentlich in den nächsten Jahren gibt. Vorgesetzte schätzen meiner Erfahrung nach vor allem den beratenden Ansatz. Ich kann mit der richtigen Führung und Fragetechnik viel zur Erhellung und Analyse und zur weiteren Bearbeitung beitragen. Ich merke, dass Vorgesetze vermehrt von sich aus zu mir kommen, um sich beraten zu lassen. Das ist ein klasse Feedback. Es zeigt Wirkung und darauf kommt es mir an.         

Welche meditativen Elemente setzen Sie Ihrem Führungsalltag ein?

Einiges hatte ich schon erwähnt. Hervorheben kann ich an dieser Stelle die Verhandlungen mit dem betrieblichen Partner, also Betriebsrat / Konzernbetriebsrat, manchmal auch unter Hinzuziehung der Gewerkschaft. Dabei nehme ich mir viel mehr Zeit für die Vorbereitung und gehe bewusst nach Harvard vor. Auch das Stakeholdermodell hat mir in diesem Zusammenhang geholfen, die oftmals vorhandene Komplexität solcher Verhandlungen zu analysieren und mich vorzubereiten. Selbst wenn man nicht immer von den leider manchmal auch politischen Positionen wegkommt, so ist die Verhandlungsatmosphäre eine andere. Gut auseinanderzugehen ist für mich dabei wichtig geworden, denn gerade im betrieblichen Kontext sind wir langfristig aufeinander angewiesen.